18. APRIL 2020

Die Welt ist in den vergangenen vier Wochen eine andere geworden. Und sie wird weiter eine andere werden. Während das Sichtbare, die Welt der Dinge, um uns herum kaum Veränderungen zeigt, attackiert Sars-CoV-2, das durchaus heimtückisch wirkende Coronavirus unsere Lebenswirklichkeit auf unerhörte Weise. Es nimmt uns unsere Autonomie. Nicht mehr wir entscheiden, es entscheidet. Es grenzt uns ein und verwehrt uns, Grenzen zu überschreiten. Der Königsweg in der Entwicklung unserer Gesellschaft ist abgeschnitten. Grenzübertretungen werden scharf geahndet. Und die Landesgrenzen sind sowieso geschlossen. Aus dem Du ist ein anderes Ich geworden. Jeder für sich eine Risikozone, aber auch eine Monade ganz im Sinne des deutschen Philosophen Leibniz, der jedem Einzelnen von uns eine gewisse Vollkommenheit zuschreibt, aber auch eine Selbstgenüg-samkeit, die beide als Quellen unserer inneren Handlungen dienen. Auf Abstand gehalten. Dem äußeren folgt der innere und zwingt uns zur Gegenüberstellung mit uns selbst. Unser Ich hat nur mehr sich selbst, um in einen Dialog zu treten. Ungewohnt, weil bis vor kurzem unangebracht. Das war das Geschäft der Zerstreuungsindustrie, eine höchst florierende Branche, deren Geschäftsmodell mit einem Hieb zerschlagen wurde. Ein Reset ist gefordert. Wir dürfen uns neue Spielregeln geben. Durchaus verheißungsvoll.

 

22. APRIL

Das Coronavirus Sars-CoV-2 ist eine demokratische Zumutung. Wie recht die deutsche Kanzlerin doch hat. Aber Krankheiten scheren sich nie um demokratische Errungenschaften und Gepflogenheiten. Krankheiten sind pure Anarchie. Sie setzen alles außer Kraft, was bis zum Ausbruch der Krankheit Gültigkeit hatte. Das Kranksein gehört zum Menschsein. Es ist der Wink der Verletzlichkeit und der Vergänglichkeit. Die wesentliche Frage ist, wie gehen wir mit dem Kranksein um. Krankheit im klinischen Sinn bedeutet Abwesenheit oder Beeinträchtigung von Gesundheit. Letztendlich ist es ein fortwährendes Kräftespiel und ein Beleg dafür, wie sehr wir dem dualen Prinzip verhaftet sind. Tag und Nacht, Gut und Böse, krank und gesund, Leben und Tod. Viren oder Bakterien bestimmen über unser Schicksal, gar nicht so selten haben sie uns in der Hand. Sie sind ein Teil des biologischen Ganzen. Das haben wir zu akzeptieren. Es ist der Mensch, der Grenzen überschreitet und dem Virus den Weg bereitet. Mit den Konsequenzen müssen wir umgehen. Wir schaffen uns und wir vernichten uns. Darin liegt die wirkliche Zumutung.

 

27. APRIL

Anfang des Jahres ist das Coronavirus als ein Grippevirus über uns gekommen. Wochen später hat sich herausgestellt, dass das Virus eine Erkrankung des Atemsystems vom oberen Rachenraum bis in die feinsten Verästelungen des Lungengewebes (Covid-19) auslösen kann. Mittlerweile und nach Auswertung individueller Patientendaten aus unterschiedlichen Ländern und Krisengebieten weiß die Medizin, dass das Virus zu sehr viel mehr im Stande ist, konkret kann Sars-CoV-2 zu einem raschen Kontrollverlust des Immunsystems führen, wovon alle Organe des menschlichen Körper betroffen sein können. Die Zerstörungswut des Virus ist immens und trifft nicht nur die bislang definierten sogenannten Risikogruppen wie ältere Menschen ab 65 und Personen mit schweren Vorerkrankungen oder solche, die sich nach umfassenden chirurgischen Eingriffen im Stadium der Rehabilitation befinden. Das Virus – ganz grob gesprochen – deckt auf und macht Fehlentwicklungen sichtbar. Bei Sars-CoV-2 scheinen die Fehlentwicklungen mit den weltweit grassierenden Zivilisationserkrankungen identisch zu sein. Übergewichtigkeit im Verbund mit vielerlei Stoffwechselerkrankungen scheint für das Virus eine besonders große Angriffsfläche zu bieten. Hier sind Medizin, Sport- und Ernährungs- sowie die Sozialwissenschaften interdisziplinär gefordert, weltweit Programme zu entwickeln, die zu einer gesünderen Lebensweise führen.

 

1. MAI

Die ethische Maxime in der Bekämpfung der durch das Sars-CoV-2-Virus ausgelösten Pandemie könne nicht die Rettung eines jeden Menschenlebens sein, gab der Präsident des Deutschen Bundestags Wolfgang Schäuble vor wenigen Tagen zu bedenken. Vielmehr müsse es darum gehen, dass die Würde des Menschen als unverbrüchliches Rechtsgut jederzeit gesichert sei. Hier liege der Imperativ verantwortlichen staatlichen Handelns. Die Konfliktlinie verläuft nicht zwischen der Anzahl an Todesopfern, die die Pandemie fordert oder fordern könnte auf der einen Seite und den Folgen für die Volkswirtschaft, die ein umfassender Shutdown nach sich zieht. Die tatsächliche Konfliktlinie verläuft dort, wo die Würde des Menschen zur Disposition steht. Diese Positionierung tut gut und soll auch nach Beendigung der Pandemie viel häufiger im Zentrum ärztlichen und pflegerischen Handelns stehen. Lebenserhaltende Maßnahmen um jeden Preis sind nicht nur bei alten und hochbetagten Patienten und pflegebedürftigen Menschen generell an der Bruchlinie zwischen Einsatz der Gerätemedizin und der Wahrung der Menschenwürde auszurichten.

 

15. Mai

Die Krise in der österreichischen Kulturpolitik ist strukturell. Kunst und Kultur wird schon seit längerem keine Priorität mehr beigemessen. Thomas Drozda verdingte sich schließlich als ihr Totengräber. Die Sars-CoV-2-Pandemie zeigt schmerzlich auf, wie prekär das Prekariat der österreichischen Kultur- und Kunstschaffenden tatsächlich ist und wie wenig es interessiert. Kunst, Kultur und deren Vermittlung ist ein Minderheitenprogramm, und doch – was wäre unser Land und unsere Gesellschaft ohne sie. Ihr Wert zeigt sich erst im Mangel. Wenn die Musik schweigt, die Literatur ihren Betrieb einstellt, die Bühnen dunkel bleiben, Witz und Ironie der Comedians verstummen und in den Ateliers der bildenden Künstler das Licht ausgeht, breitet sich Armut aus und dem Leben, der Gesellschaft wird Blut und Geist entzogen. Nach den Künstlern verhungert schließlich auch die Gesellschaft. Das Dilemma der aktuell nicht vorhandenen Kulturpolitik ist offensichtlich das Unvermögen Kultur und Kunst einerseits als einen autonomen gesellschaftlichen Bereich zu akzeptieren und andererseits Rahmenbedingungen zu schaffen, die Kunstproduktion und Kulturvermittlung ermöglichen, ohne dass die Akteure am Rand der Selbstausbeutung vom Absturz bedroht sind. Was wir jetzt brauchen ist eine beherzte Frau oder ein beherzter Mann, die/der mit den Besonderheiten der Kunst- und Kulturlandschaft vertraut ist, der/die weiß, wie Künstlerinnen und Künstler ticken, der/die eine Ahnung von der Weitläufigkeit des Kunstschönen hat und eine Vision vermitteln kann, worin die Aufgabe von Kunst zu bestehen hat. Und noch etwas: Grün kann viel, aber nicht unbedingt Kunst und Kultur.

 

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